Hokusais Sonntagnachmittagspaziergang


Es war einer der Tage, an denen das Wesentliche kaum auffällt. Ja, es ist kalt. Ja, der Himmel ist bedeckt. Und ja, das dumpfe Grau, das sich um den Tag rankt, es raubt einem alle Lust. Doch das ist nichts Besonderes. Derlei Wintertage sind hier im Norden eher die Regel als die Ausnahme. Allerdings kann es passieren, dass man am Ende eines solchen Winters mit einem Mal innehält und sich an nichts anderes erinnert als an ein Gefühl des Bedrängtwerdens. An ein Gefühl, das auf eine unerklärliche Art von oben in einen dringt. Als hätte man seinen Kopf geöffnet und bekäme tröpfchenweise ein böses Valium in die Wachphasen getrichtert, gerade so, dass alles eben keinen Sinn macht. Dass einem schon beim ersten Schritt aus der Haustür ein scharfer, pfeifender Wind in den Hals schneidet. Und die Dunkelheit trumpft jeden Tag aufs Neue auf wie ein frecher Streber, der einem die Zeit und die Schau stiehlt. Nein, es war einer der Tage, die man am besten abhakte.

Doch ich konnte diesen Tag nicht abhaken, denn ich hatte noch einen Termin. Abends, um halbacht, war ich zu einem Galerieessen eingeladen. Es war die beste Galerie am Ort, und ich wusste, dass die Crème de la crème des Kulturbetriebs dort ihr Stelldichein gab. Inklusive Ministerin. Mir graute davor. Außerdem war ich ein verkaterter Mensch, hatte am Abend vorher gesoffen und die von mir so geliebte glückliche Katerstimmung des Morgens, sie war verflogen. Kein leichtes Überdendingenstehen mehr. Nichts mehr vom geradlinigen Tunnelblick, mit dem man jegliche Probleme bis ans Ende der Fahnenstange verfolgen kann. Und nicht mehr das Gefühl, mit der Wahrnehmung der eigenen Handlung eine halbe Sekunde hinterher zu sein, somit einen kleinen Freibrief in Körper und Geist zu haben: Endlich kann man einmal etwas tun, bei dem das Gehirn hinterher ist. Sonst ist der Körper ja immer nur Knecht seiner Gedanken. Doch auch eine glückliche Katerstimmung findet im Laufe des Tages jäh ihr Ende im Fegefeuer von allem Yin und Yang. Dann kommt der Schläfendruck, eine extreme Lichtempfindlichkeit und die Annahme, sich nicht richtig entspannen zu können, weil es den Augen weh tut, wenn sie die Pixel auf dem Fernsehschirm verfolgen. Irgendwie glaubt man beim Blicken sogar, latent den Druck der Augenkugeln zu spüren, die sich in den Höhlen hin- und her bewegen; irgendetwas stimmt nicht mehr, denkt man, was soll das alles, lasst mich in Ruhe und überhaupt: Morgen ist ein neuer Tag: Neuer Tag, neues Glück: Unverkatert aufstehen muss auch mal schön sein.

Und das nahm ich mir ganz fest auf dem Weg in die Galerie vor: Keinen Alkohol zu trinken. Und hielt mich den Abend eisern an ein paar Gläser Wasser.

Da saßen sie alle. Nicht umsonst reimt sich Dichter auf Richter und Denker auf Henker. Doch ich hatte Glück. Saß hübsch eingepflockt zwischen einer netten Zeitungsredakteurin und einer älteren Künstlerin aus Berlin mit dem wunderbaren Namen Cosima Edelhart. Mir gegenüber saß einer meiner Lieblingsjungkünstler. Ein smarter Typ, dessen Gesicht von einer italienischer Prägung ist, wie sie sonst nur in Hollywoodfilmen vorkommt. Obwohl wir uns mögen, stockte unser Gespräch nach ausgetauschten Wasmachstdudennsos und anderen Freundlichkeiten. Stattdessen blickten wir auf den Teller und aßen unser Galerieessen: Rübenmus mit Kochwurst.

Als der Abend recht kernig mit Zunahme des allgemeinen Alkoholpegels davonflog und sich die Tischordnung aufzulösen begann, wandte sich die Künstlerin Cosima Edelhart mir zu. Dabei verschüttete sie Rotwein aufs weiße Tischtuch und fischte in ihrer Handtasche nach Zigarillos. Sie erzählte mir von ihrem letzten Abend, als sie im Schrevenpark spazieren ging, um den Blick im phosphorisierenden Neuschnee zu versenken. "Es war so wunderbar", sagte sie und trank den letzten Schluck Rotwein, "es war schon schummrig, und ich war ganz allein dort. Und das Wunderbarste war: In der Mitte der großen Wiese stand ein außergewöhnlich schöner Schneemann. Mit Rute und Möhrennase und allem was zu einem richtigen Schneemann dazugehört." Sie zündete sich ihren Zigarillo an. "Da bin ich dann freudig drauflosgestiefelt. Dabei überholte mich ein vielleicht elfjähriger Junge mit seinem Mountainbike. Er war zuerst da. Warf sein Fahrrad hin und begann auf den Schneemann einzutreten. Das ging alles ganz schnell, da waren die Schneekugeln auf dem Boden. Zerbrochen, zertreten, zertrampelt." Naja, dachte ich, ist ja nichts Neues, wie blöd Jungs in diesem Alter sein können. Und sagte es. Doch die Geschichte ging weiter: "Ich kann ja ganz laut auf zwei Fingern pfeifen", sagte Cosima Edelhardt, "und als ich sah, wie er im Begriff war, den Schneemann zu zertrampeln, pfiff ich so laut ich konnte. Der Junge blickte erschrocken zu mir hin, machte dann aber weder Anstalten abzuhauen oder innezuhalten. Ich erreichte ihn, als er den Schneemann bereits völlig zerstört hatte. Da sagte ich zu ihm: Du bist ein missgünstiges Kind. Und ich sagte es sehr böse, genau das sagte ich zu ihm: Du - bist - ein - miss - gün - sti - ges - Kind. Und wissen Sie, was er darauf zu mir gesagt hat?" Ich wusste es nicht, dachte nur daran, wie merkwürdig es war, dass ein Elfjähriger das Wort missgünstig verstehen kann. "Er sagte: Und du gehörst in die geschlossene Anstalt." Ich überlegte kurz, ob in seiner elfjährigen Ansicht nicht vielleicht ein Fünkchen Wahrheit steckte. Vermutlich sah der Junge sich in seiner persönlichen Freiheit eingeschränkt und reagierte mit der ihm eigenen maximalen Kränkung. Dann dachte ich, die Tatsache, dass der Junge die Vokabel geschlossene Anstalt derart in seinem aktiven Wortschatz führt, darauf schließen lasse, dass sie seinem persönlichen Umfeld unmittelbar entsprang. Ich beschloss, dass er in einem zerrütteten Umfeld aufgewachsen ist und dass seine Mutter wohl mehr als einmal in einer geschlossenen Anstalt hat sitzen müssen. Vermutlich weil sein cholerischer Vater sie dorthin gebracht hatte. Das schien mir für den Jungen Strafe genug und die Ableitung des Aggressionspotentials nach unten war nur logische Folge. Solange weiße, kalte, öffentliche Gegenstände dabei zerstört wurden, die die Wärme der Zeit oder andere Bösewichte ohnehin mit sich nahm, schien mir der Vorfall fast nachsehenswert. Auch wenn die Poesie des Augenblicks dabei auf der Strecke bleibt. Doch die ältere Künstlerin aus Berlin sah das anders: "Ich habe mich so darüber geärgert, den ganzen Abend gestern. Bis heute, bis jetzt. Das regt mich wirklich auf."

Kurz vor Mitternacht ging ich nach der Ministerin auf die Toilette und machte mich vom Acker. Auf dem Nachhauseweg alberte ich noch ein wenig mit dem Lieblingsjungkünstler herum. Wir kompensierten den Abend, äfften diesen und jene nach und waren aufs herzlichste froh, uns wieder frei bewegen zu können. Ich vergaß den Schneemann.

Es gibt Momente im Leben, in denen vieles zusammenkommen muss, damit sie passieren. Der folgende Sonntag barg einen derartigen Moment in mustergültiger Weise. Nach dem Mittagsschlaf schnappte ich meine Tochter, steckte sie in einen Schneeanzug und ging mit ihr zum Schneeschieben vor die Haustür. Es hatte die ganze Nacht hindurch geschneit und den Tag über weitergeschneit. Die Luft war etwas zu warm, sodass die Schneeflocken, wie von unsichtbaren Magneten verführt, mehr denn sonst aneinanderpappen wollten. Idealer Schneeballschnee. Ich nahm eine Handvoll vom Autodach, formte einen Schneeball und warf ihn auf das Einbahnstraßenschild. Und traf. Dann nahm ich eine weitere Handvoll vom Autodach und warf auf das Einbahnstraßenschild. Und traf. Dann nahm ich eine weitere Handvoll vom Autodach. Und warf. Und traf.

Eine Bekannte, die eben vorbeikam, war Zeuge. Sie guckte nicht schlecht. In all den Wintern, die ich hier wohnte, hatte ich noch nie den Schneeballhattrik geworfen. Und sie noch nie einen gesehen, der einen warf. Wir lachten, und meine Tochter schaufelte dabei mit ihrer Plastikschaufel im klebrigen Schnee herum. "Ihr müsst unbedingt in den Schrevenpark gehen", sagte die Bekannte. "Es ist gerade ganz wunderbar dort. Da könnt ihr euch echt drauf freuen." Dann lächelte sie seltsam und joggte zwischen Schneehaufen davon.

Also stapften wir los, bahnten unseren Köpfen irgendwo zwischen dicken Flocken den Weg in den Schrevenpark.

Als wir um die Ecken des Gestrüpps auf die höher liegende Wiese sehen konnten, stockte mir der Atem. Vom gelben Himmel hoben sich die Schneeflocken ab wie auf einem japanischen Farbholzschnitt. Hokusais Sonntagnachmittagsspaziergang. Als wir näher traten erschienen die Silhouetten von etwa zwanzig Schneemännern im Gestöber der tanzenden Flocken. Das hat der Sonntagnachmittag so an sich: Die beste Familienausflugszeit. Überall wuselten Väter und Mütter und Großväter und Großmütter mit ihren Kindern und Kindeskindern herum. Bauten wie die Doozers bei den Fraggels. Große Schneekugeln wurden gerollt und aufeinander getürmt. Der Park befand sich in weißer Seligkeit. Ein regelrechter Schneemannrausch. Als ich auf die große Wiese sehen konnte, zählte ich nocheinmal dreißig von den weißen Ungetümen. Und beschloss, alle Schneemänner in einem Parcours abzulaufen.

Ich kam mir vor wie in einer großen demokratischen Ausstellung. Land Art im Spiegel der Volkstradition oder so. Hätte man jeden Schneemann photographiert, man hätte einen einzigartig schönen Ausstellungskatalog gehabt. Doch ich hatte keine Kamera dabei und photographierte mit dem Auge. Den Schneemann mit den Segelohren. Den Schneemann mit dem Doppelhut. Den Schneemann mit dem Pimmel und den Eiern (mit Grashaaren dran). Den Schneeelefanten. Den Klassiker mit Mohrrübe, Kohlenknöpfen und Topfhut. Die Henry-Moore-Plastik aus Schnee. Den lachenden und den weinenden Schneemann. Mehrere gesichtslose Schneemänner. Den Schneemann, dem die Stöckerhaare zu Berge standen. Die Schneegiraffe. Diverse Schneefrauen mit allem, was dazugehört. Und den Riesenschneemann in der Mitte des Parks. Es muss einiges an Kraft und Finesse gekostet haben, die wuchtigen Kugeln aufeinander zu türmen. Vor allen Dingen wollte mir nicht in den Kopf, wie man die dritte Kugel auf die ersten beiden bekam, zumal wenn die ersten beiden schon über zwei Meter zusammenbrachten.

Aus Spaß formte ich einen kleinen Schneeball und rollte ihn zu einer großen Kugel. Wie hat man dieses knarzende Geräusch vermißt, wenn der Bodenschnee von der Kugel aufgedrückt wird. Und wie wohl kennt man noch die Grasnarben, die unter der aufgepappten Schneedecke offen und bloß überraschendes Grün freigeben. Meine Tochter begann zu schreien, als ihr die Schneekugel über den Kopf wuchs. Also ließ ich vom Rollvorgang ab und sah mich weiter um. Es kam mir vor, als befände ich mich inmitten des glücklichsten Ausnahmezustandes der deutschen Geschichte. Alles war weiß und alles war kalt. Und alles hantierte im Bewußtsein, Teil eines großen Lächelns zu werden. Bei jedem Augenkontakt trafen sich die Blicke wie alte Verbündete, die man längst abgeschrieben hat; so müssen die Augen der Beatles ausgesehen haben, als sie unbemerkt Sergeant Pepper aufnahmen und jeder sich fragte: Was ist mit den Beatles los? Sind die weg vom Fenster oder wie? Und nur, wer den Beatles genau in die Augen sah, konnte diesen Satz lesen: Träumt hübsch weiter, wir brüteten lediglich den Urknaller aus. Danach tickt die Musikgeschichte anders.

Allein die Krähen beäugten uns aus der aus der Vogelperspektive; wie sie uns wohl sahen? Als wären wir inmitten eines Winterwimmelbildes von Pieter Bruegel. Dann sprangen Hunde aneinander hoch, tollten herum und leckten sich die Schnauzen. Ich fand drei annähernd gleichgroße Schneekugeln, die nah beieinander lagen und türmte sie auf. Dann pappte ich einige Hände voll Schnee in die taillierten Bereiche zwischen den Kugeln, nahm mir die Plastikschaufel meiner Tochter und begann mit geraden Vertikalbewegungen Schnee abzuraspeln; ich wollte die perfekte Schneesäule und die perfekte Schneesäule wollte mich. Die Arbeit ging recht angenehm von der kalten Hand. Ich raspelte im unteren Bereich der Säule und hielt einen Moment inne, da ich mich überwinden musste. Ja, ich rasple auch die gelben Stellen der Schneesäule, scheiß auf das bißchen gefrorene Hundepisse. Allein das Maulen meiner Tochter steigerte sich zu Dauergeheul. Ich glaube, sie bekam kalte Füße vor meiner wunderbaren Schneesäule. Als schließlich noch die Schaufel abbrach, war es ganz aus. Ich setzte sie auf meine Schultern und wir sahen in viele weitere seargent-pepperisierte Augenpaare und dass wir nach Hause kamen.

Epilog für einen Schneemann: Schon am Abend hörte es auf zu schneien; in der Nacht erwärmte sich die Luft auf 9° Celsius. Am nächsten Tag schien bereits wieder die Sonne. Die Schneehaufen sackten zusammen, die Straßen waren feucht von geschmolzenem Schnee, an einigen Stellen trockneten sie bereits. Ich beschloß nach dem Mittagsschlaf mit meiner Tochter wieder in den Park zu gehen, um nachzusehen, was Schneemänner bei solchem Wetter wohl treiben.

Es war ein Massaker verübt worden. Ich zählte knapp sechzig Schneemänner- und Frauenleichen. Weiße zertrampelte Haufen. Nur der Riesenschneemann stand noch in der Parkmitte und ließ sich die Sonne des knallblauen Polaroidhimmels auf den Körper brennen. Früher wäre in diesen Zusammenhängen sicher das Wort Kaiserwetter gefallen, doch heute ist der Kaiser längst tot und für Deutschland nicht wieder vorgesehen. Das wäre wohl ein Wetter für ihn gewesen. Jedenfalls stiefelte ich mit meiner Tochter auf den letzten Schneemann zu, den König des Parks.

Da überholte mich ein Junge mit dem Mountainbike. Er schmiss sein Rad hin und machte sich sofort daran, am Königsschneemann herumzutreten. Aus einer anderen Richtung kam ein Mädchen hinzugelaufen. Vielleicht war sie acht Jahre alt. Auch sie trat und kratzte mit einem Stock am Schneemann. Als wir die Kinder und den Schneemann in der Mitte des Parks passierten, sah ich, dass selbst ein Schneemann schmutzig sein kann. Denn die Sonne sublimiert nur die Schneekristalle, der mitaufgenommene Dreck hingegen verharrt auf der Oberfläche. Wir gingen auf die andere Seite des Parks.

Ich drehte mich nocheinmal um. Nun kraxelten schon sechs Kinder verschiedener Größe am König der Schneemänner. In holder Eintracht kratzten sie mit Stöcken ihren Altersunterschied zwischen den drei riesigen Schneekugeln weg. Schon sprangen sie eifrig herunter und malträtierten als druckausübendes Kollektiv die mittlere Kugel mit schweren Ästen. Mehrere Male wiederholten sie den Kratz- und Drückvorgang. Dann sah ich einen Königsschneemann wanken. Zusammensacken. Und auf dem Boden der Tatsachen zerbersten. Die Kinder rissen ihre Arme hoch. Ferner Jubel drang in mein Ohr. Ausgelassen droschen sie mit schweren Ästen auf die Reste dessen, was eben noch den Park dominierte. Ich dachte an Bilder von fallenden Monumenten. Hitler, Stalin, Lenin, Marx, Tito. Ich dachte daran, dass mit fallenden Monumenten immer eine Epoche endet. Der breite Wunsch nach Veränderung, er stößt problemlos Götter vom Thron. Dann kommen andere an die Macht, pflücken sie, wie einen reifen Apfel und beißen hinein. Wenn böse Monumente fallen, dachte ich, brechen immer bessere Zeiten an; doch wenn die Guten fallen, ist die Schreckensherrschaft nicht mehr weit.

Ich war im Begriff, nach Hause zu trotten und mir diesen Gedanken einzufrieren, als ich wieder des absonderlich blauen Himmels gewahr wurde. Der Sonne und der milden Luft. Ich atmete einmal mehr tief durch, so tief, dass ich mit bebender Brust und flatternden Nasenflügeln zur Karikatur eines Tiefdurchatmers wurde. Schließlich sagte meine Tochter mehrmals "Neee, Papa!" Also schnappte ich sie mir, setzte sie auf meine Schultern und ging mit ihr Heim. Dort schälte ich sie aus ihren Klamotten. Meine Hände waren ganz groß und ganz kalt, ihre ganz klein und ganz warm. Ich fragte: "Was wollen wir jetzt machen? Wozu hast du Lust?" Ohne es zu merken schlug ich dabei mit der Hand einen einfachen Rhythmus auf die heiße Heizung. Dann sangen wir ein paar Winterlieder. Da begann sie zu hüpfen, zu springen und sich im Kreise zu drehen.